“Daß ein Buch wie das Tagebuch des Samuel Pepys überhaupt existiert, ist im Grunde ganz unbegreiflich. Ein rares Wunderwerk”    Robert Louis Stevenson



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Himmel, und wir fürchten den Zorn dieses Mannes


/ Juli 14th, 2010 | Pepys

14. Juli 1664

Da ich zu gern wissen wollte, um was für eine Angelegenheit es sich handelt, stand ich kurz nach 4 Uhr auf und verließ das Haus. Ging zu Fuß zum gnädigen Herrn, wo noch niemand aufgestanden war. Der Pförtner, der auf mein Klopfen kam, hatte auch noch im Bett gelegen. Ich ging daher noch einmal zurück zur Fleet Street und kaufte dort ein kleines Buch mit Gesetzestexten. Dann hörte ich, wie in St. Dunstan ein Psalm gesungen wurden. Ich ging hinein und hörte mir die Andacht an, die dort offensichtlich jeden Morgen um 6 Uhr abgehalten wird. Ich war noch nie so früh in einer Kirche, außer damals im Studium.

Von dort wieder zum gnädigen Herrn. Er war inzwischen aufgestanden und ließ mich zu sich heraufkommen. Als wir allein waren, versicherte er mir zunächst feierlich, daß er noch immer größtes Vertrauen in mich setze und mir nach wie vor in Freundschaft verbunden sei, und dann berichtete er mir von den Klagen, die gegen mich erhoben worden waren. Der Lordkanzler hatte sich anscheinend gestern abend bei ihm in bitteren Worten über mich beschwert und wollte sich gar nicht wieder beruhigen lassen, ganz gleich was der gnädige Herr zu meiner Verteidigung auch vorbrachte. Was er mir nun vorwirft, ist, daß ich die Bäume im Clarendon-Park (den er offensichtlich von Lord Albemarle gekauft hat) markieren ließ und damit zum Schlagen freigegeben habe, woran mich nun weiß Gott keine Schuld trifft, abgesehen davon, daß ich nicht wußte, daß sie ihm gehören, aber ich habe in dieser Sache nicht eigenmächtig gehandelt, sondern im Auftrag des Lordschatzmeisters, der für die Staatsforste verantwortlich ist. Der Lordkanzler habe weiterhin gesagt, daß ich keine Ehre im Leib hätte und mich auf die Seite der Verbrecher gestellt hätte, die seine Bäume gefällt haben, und daß ich mich zum Büttel von Mr. Deane gemacht habe, der der größte religiöse Fanatiker im Land sei, denn dieser habe die Bäume markiert, und all das nur, um ihm, dem Lordkanzler, zu schaden. Ich versicherte dem gnädigen Herrn, daß die Anschuldigungen gänzlich haltlos seien, und ich erklärte ihm in allen Einzelheiten, wie sich die Sache verhielt. Der gnädige Herr schien sehr wütend auf den Lordkanzler zu sein, teils meinetwegen, aber wohl auch seinetwegen. Und er riet mir, dem Lordkanzler umgehend meine Aufwartung zu machen, um mich von den Anschuldigungen zu befreien, so gut ich es vermochte, und ihm zu versichern, daß ich sein untertänigster Diener sei, daß ich alles, mein Amt und meine Würden, nur ihm verdanke, da er es war, der sie mir, vermittelt durch Lord Sandwich, verliehen habe. Ich begab mich daher voller Bangen sogleich zu ihm. Er war aber im Verhandlungssaal mit Gerichtsdingen beschäftigt, und da am Vormittag auch eine Verhandlung stattfand, konnte ich nicht mit ihm sprechen, sondern ging zurück zu Lord Sandwich und erzählte ihm dies. Daraufhin wies es mich an, ihn nach dem Mittagessen aufzusuchen. Also verließ ich den gnädigen Herrn, der sehr besorgt um mich war, und fuhr nach Hause.

Dann ins Amt und dort den ganzen Vormittag sehr beschäftigt. Mittags zur Börse und von dort mit Alsop und seinen Leuten ins Pope’s Head, wo ich eine Viertelstunde mit ihnen über die Tanger-Verträge sprach. Und wir verblieben so: wenn ich nicht mehr als 3s 1½d pro Mann und Woche für sie bekomme, erhalte ich von ihnen 150l per annum, garantiert und ohne Abzüge, wenn ich aber 3s 2d für sie herausschlage, bekomme ich 300l. Ich wies sie daher an, mir ihr schriftliches Lieferungsangebot am Nachmittag einzureichen und sich dann mit mir in Whitehall zu treffen. Ich verabschiedete mich und ging zum Lordkanzler. Dort sah ich ihn, wie er vom Mittagessen kam, und sprach ihn an. Ich sagte ihm, daß ich der unglückliche Pepys sei, der bei ihm in Ungnade gefallen sei, und daß ich gekommen sei, ihn zu bitten, mich erklären zu dürfen, und ich versicherte ihn meiner Treue und Ergebenheit. Er antwortete mir sehr freundlich: daß er geneigt sei, den Worten von Lord Sandwich Glauben zu schenken, der mich verteidigt und meine Rechtschaffenheit gelobt habe, aber daß sich ihm die Sache nun einmal so dargestellt habe, wie er sie vorgebracht habe, und er bot an, daß ich ihn einmal abends aufsuchen könne. Ich schlug den heutigen Abend vor und er war einverstanden. Ging daher sehr erleichtert fort. In Whitehall sah ich mir das Lieferungsangebot von Mr. Gauden an, das er mir unterbreitete, und ich verfiel auf eine List, denn ich tat so, als verstünde ich nicht, wie die Preise zustandekommen, und bat ihn, mir alles genau zu erklären. Mit diesem Wissen ging ich das Lieferungsangebot der Herren Alsop und Lanyon erneut durch und hatte beide Angebote zur Vorlage für den Tanger-Ausschuß vorbereitet, als dieser am Nachmittag zusammentraf. Es erschienen aber nur General Monck, Mr. Coventry, Povey und ich, so daß ich es nicht für angebracht hielt, die Angebote jetzt schon vorzulegen, sondern verschob es auf Samstag, was mir nur recht war.

Von dort zum Half Moon gegenüber der Börse, um Lanyon und seine Leute vom Stand der Dinge in Kenntnis zu setzen. Dann zum Lordkanzler, der noch einige Gerichtsverhandlungen führte, und dies, wie ich feststellte, mit großem Geschick und klugem Verstand. Nachdem er fertig war, rief er mir sogleich zu: „Kommen Sie, Mr. Pepys, wir wollen ein wenig in den Garten gehen.“ Da er an der Gicht leidet, wurde er von einem Diener nach unten geführt, und dann spazierten wir über eine Stunde lang durch den Garten, und er sprach mit mir ebenso freundlich wie offen. Ich sagte ihm rundheraus, wie sich die Dinge verhielten, daß ich nicht einmal geahnt hatte, daß es sich bei den Bäumen um seine handeln könnte, und daß ich nicht auf eigene Faust gehandelt hätte, sondern daß es sich um einen Beschluß des Flottenamts gehandelt habe. Er entgegnete, daß sein Zorn eigentlich nicht mir, sondern Sir G. Carteret galt, oder allenfalls dem gesamten Flottenamt, und da habe sein Zorn einfach mich getroffen, da er mich am wenigsten kannte, und es sei nur falsche Rücksichtnahme auf seine vermeintlichen Freunde im Flottenamt gewesen. Ich glaube, ich konnte den Lordkanzler zufriedenstellen, denn er dankte mir, daß ich mir die Mühe gemacht hatte, ihn über die Angelegenheit aufzuklären. Und nachdem ich ihn gefragt hatte, mit welchem seiner Diener ich wegen dieser Angelegenheit in Verbindung bleiben solle, antwortete er mir, mit keinem, sondern daß er sich freuen würde, wenn ich selbst ihn in dieser Sache auf dem laufenden hielte. Er sagte mir, daß er mir in dieser Sache keinerlei Anweisungen erteilen wolle, damit man ihm nicht nachsagen könne, er stelle seine Interessen über die Interessen der Krone. Ich hatte ihm vorgeschlagen, den Beschluß, die Bäume zu fällen, noch einmal zur Debatte zu stellen, aber auch davon wollte er nichts hören. Ich werde es aber als meine Aufgabe betrachten, ihm in dieser Angelegenheiten zu Diensten zu stehen. Himmel, wie wütend er aber auf den armen Deane ist, den er als schlimmen Fanatiker, Verbrecher und was nicht alles bezeichnete. Aber er wiederholte, er wolle mir keine Anweisungen geben, denn er werde sich nicht anmaßen, irgendwem erzählen zu wollen, was er zu tun oder zu lassen habe, aber er sagte, er würde sich freuen, wenn ich ihn in der Sache auf dem laufenden hielte.

Himmel, und wir fürchten den Zorn dieses Mannes, dabei ist er der letzte, der uns daran hindern würde, zu tun, was zum Wohl der Krone getan werden muß.

Er nannte noch einmal Sir G. Carteret und Sir J. Mennes und all die anderen und sagte, das sein Zorn eigentlich ihnen galt und nicht mir.

Es war aber doch recht amüsant, daß Sir G. Carteret in den Garten kam, als der Lordkanzler noch mit mir sprach, und noch viele andere kamen, um seine Lordschaft zu sprechen, doch er ließ sie warten, während ich über eine Stunde mit ihm auf- und abging – und er hatte sich verbeten, daß ich den Hut vor ihm abnehme.

Und doch fürchte ich, daß das Ganze nur ein politischer Schachzug gewesen sein könnte, denn der Anlaß für seinen Ärger ist im Grunde sehr unbedeutend. Vielleicht wollte er, indem er mir Furcht einjagt, mich auf seine Seite bringen. Oder er wollte mich prüfen (was noch schlimmer wäre) und sehen, wie treu ich dem König ergeben bin. Wenn überhaupt, dann denke ich, es war das erstere.

Ich schied von ihm, indem ich ihm versicherte, daß ich sehr wohl wisse, daß ich alles, was ich besitze, allein seiner Gunst verdanke, was er wohlwollend aufnahm, und dann schieden wir sehr höflich voneinander. Von dort mit der Kutsche zurück. Hielt unterwegs beim gnädigen Herrn, aber er war nicht zu Hause.

Bis spät abends im Amt. Dann nach Hause, um etwas zu essen, denn ich war völlig ausgehungert, da ich seit dem Morgen nichts zu mir genommen hatte. Dann zu Bett – sehr aufgewühlt wegen der vielen wichtigen Angelegenheiten, die mich zur Zeit beschäftigen.




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