Aufgestanden und zu Fuß zu meinem Bruder, wo ich erfuhr, daß er die ganze Nacht wirr geredet habe. Heute erkannte er mich auch nicht mehr, was mich sehr bestürzte. Ging nach unten und unterhielt mich eine Weile mit der Haushälterin, die mir viele Vorfälle schilderte, die darauf hinzudeuten scheinen, daß mein Bruder schon seit geraumer Zeit in Schulden steckt und von einigen Gläubigern bereits bedrängt wird. Unter anderem von einem gewissen Cave und seiner Frau, aber ob sie nur Geld wollen oder ob noch anderes dahintersteckt, weiß sie nicht zu sagen. Außerdem ist da ein gewisser Cranburne, so nannte sie ihn wohl, der in der Fleet Lane wohnt und mit dem mein Bruder sich häufig zurückgezogen habe. Sie weiß nicht, worum es dabei ging, aber sie vermutet, es könnte etwas Unsittliches gewesen sein. Dann blieb er auch an zwei aufeinanderfolgenden Samstagen nachts auf, als alle anderen schon im Bett waren, und beschäftigte sich mit sich selbst. Zuvor hatte sie keine Ahnung, was er da getan haben könnte, jetzt hatte sie aber eine Vermutung. Sie sagte mir auch, daß er ein sehr schlechter Geschäftsmann sei, weil er sich um nichst gekümmert habe, und sie habe ihn oft darauf hingewiesen. Alles in allem folgt für mich daraus, daß mein Bruder ein ruinierter Mann ist, ob er nun stirbt oder nicht, und was damit auf mich zukommt, vermag ich noch nicht zu sagen.
Von dort nach Whitehall zum Herzog. Während er sich ankleidete, erzählten ihm zwei Herren, die ihm aufwarteten, daß vor einigen Tagen, als sie in Holborn beim Kartenspiel saßen, gegen Mitternacht ein Fackelträger ins Haus gerannt kam und den Anwesenden zugerufen hatte, daß das Haus zusammenstürzen werde. Sie bekamen es mit der Angst zu tun und nahmen an, der Junge habe ihnen mitteilen wollen, daß das Haus brennt. Also ließen sie ihre Karten oben liegen, und der eine von ihnen wollte über den Balkon klettern, aber die Tür öffnete sich nicht. Der andere lief nach oben, um seine Kinder herunterzuholen, die in ihren Betten schliefen. Schließlich verließen sie alle das Haus, und kaum war dies geschehen, da stürzte das Haus tatsächlich ein, von oben bis nach unten. Offenbar ist der Abwasserkanal von Lord Southampton zu nah an ihrem Fundament entlang geführt worden, so daß es absackte und das Haus schließlich zusammenbrach – ein außerordentlicher Fall.
Schließlich war der Herzog fertig und wir besprachen unsere dienstlichen Angelegenheiten. Leider konnte ich mich, was den diesjährigen Einkauf von Hanf betrifft, nicht durchsetzen, was mich sehr verdroß. Dies rührt aber lediglich von meinem Stolz her, denn ich gehe immer davon aus, daß alles so zu laufen hat, wie ich es mir vorstelle. Es war auch gar nicht gegen meinen Vorschlag gerichtet, sondern ganz offensichtlich waren sie nur nicht willens, allem zuzustimmen, was ich vorschlage.
Besuchte anschließend Lord Sandwich und dankte ihm dafür, daß er mich in den Fischereiausschuß berufen hat. Er hatte gewiß schon darauf gewartet. Er antwortete aber nur: „Ach, Sie meinen die Fischerei? Ich sagte Ihnen doch, ich würde an Sie denken.“ Aber dann schwieg er wieder. Als ich ihn nach einer Weile fragte, ob er noch etwas für mich hätte, sagte er nur: „Nein“, und ich hatte den Eindruck, daß er mir deutlich zu verstehen geben wollte, daß er nicht mit mir zu sprechen wünsche, was mich den ganzen Tag quälte und immer noch quält. Ich denke aber, daß ich das meiner eigenen Unbesonnenheit zu verdanken habe, weil ich nicht meinem Vorsatz treu geblieben bin, mich fein zu kleiden und vornehme Zurückhaltung zu wahren. Von dort fuhr ich mit Sir W. Batten in die City. Sein Schwiegersohn, William Castle, äußerte sich sehr abschätzig über Hauptmann Taylor und nannte ihn einen hinterhältigen Schuft, und ich fürchte, er übt damit auf den törichten Alten einen unguten Einfluß aus – oder aber er redet dem Alten nur nach dem Mund.
Verließ sie und ging zu Mr. Moxon und sah zu, wie die Globen für unser Amt hergestellt werden, die sehr schön werden, aber eine Menge Geld kosten. Danach ins Kaffeehaus. Unterhielt mich sehr gut mit Mr. Hill, dem Kaufmann, einem vornehmen, klugen jungen Mann.
Dann zur Börse und von dort nach Hause, wo meine Frau und ich uns stritten, weil ich nicht bereit war, ihr Kleid mit neuer Spitze besetzen zu lassen, ihr aber dasselbe Geld oder noch mehr zur Verfügung stellen würde, damit sie sich ein schlichtes neues Kleid kaufen kann. Daraufhin geriet sie so außer sich, wie ich es noch nie bei ihr erlebt habe, und der Anblick war mir unerträglich. Ich verließ daher das Haus und ging ins Amt, obwohl sie sich bereits umgekleidet hatte, um Lady Sandwich zu besuchen. Sie folgte aber wutentbrannt, und als sie mich sah, fuhr sie mich wie eine Furie an und rief, daß sie jetzt ein neues Kleid kaufen gehe, es mit Spitzen besetzen lasse und mir die Rechnung zukommen lassen werde, und danach könne ich es verbrennen, wenn mir der Sinn danach steht – und daraufhin ließ sie mich stehen. Das hat mich furchtbar aufgebracht. Aber da ich sehr beschäftigt war, hatte ich nicht die Zeit, darüber nachzudenken, wie ich mich in dieser Angelegenheit verhalten soll. Aber im nächsten Moment kam sie zurück ins Amt (wohl, weil sie festgestellt hatte, daß ich ihr nicht gefolgt war). Aber sie mußte eine halbe Stunde warten, weil ich unterdessen mit jemanden beschäftigt war. In der Zeit beruhigte sie sich wieder und wir waren im Handumdrehen wieder gute Freunde. Und als ich im Amt fertig war, verließen wir das Gebäude zusammen und fuhren mit der Kutsche zum Haus von Lady Sandwich, wo ich meine Frau absetzte. Fuhr weiter nach Whitehall, wo ich Mr. de Critz, den Hofmaler, traf. Nachdem ich mich eine Stunde lang mit ihm unterhalten hatte, ging ich wieder zurück zur gnädigen Frau, plauderte eine halbe Stunde lang mit ihr und ging dann weiter zu meinem Bruder, dessen Zustand sich eher verschlechtert als verbessert hatte. Die Ärzte haben ihn jedenfalls bereits aufgegeben. Er redete nur noch zusammenhangslos vor sich. Ich forderte ihn auf, mir zu sagen, wer ich bin, und als er es mir nicht sagen konnte, kamen mir, wie ich gestehen muß, die Tränen.
Ging zu Mrs. Turner, die sich gerade mit Mr. Powell, dem Arzt meines Bruders, unterhielt. Sie redet anscheinend nur noch von der Krankheit, was mir nicht gefiel, denn es waren auch noch andere Leute anwesend, und ich muß gestehen, daß mir die Schande dieser Krankheit genauso zu schaffen macht wie die Sache selbst.
Dann wieder zurück zu meinem Bruder, und von dort zusammen mit meiner Frau zu Onkel Fenner, mit dem wir uns sehr lange vertraulich unterhielten. Er sprach davon, daß mein Bruder die Geschäfte sehr vernachlässigt habe und daß er glaube, daß mein Bruder viele Schulden habe, unter anderem bei meinem Vetter Scott (ich weiß nicht wieviel) und bei Dr. Thomas Pepys (30l), der aber wohl erwähnt habe, daß er 20l davon bereits zurückbekommen habe. Eine traurige Sache, vor allem da mein Bruder auch bei mir und meinem Vater Schulden hat. Wenn er dies überleben sollte, wird er sich kaum noch irgendwo blicken lassen können – was ein große Schande für mich wäre.
Dann ging ins Zimmer meiner Tante, bei der meine Frau war sowie Anthony Joyce. Ich trank etwas mit ihnen, dann gingen wir – den Kopf voller Sorgen – nach Hause. Ich hoffe nur, daß die Sache bald überstanden ist – auf die eine oder andere Weise.
Nachdem ich noch ein paar Dinge in meinem Amt erledigt hatte, nach Hause zum Abendessen und zu Bett.
Onkel Fenner hatte meinem Vater letzte Woche in einem Brief den Zustand meines Bruder geschildert. Meine Mutter hat sich daraufhin entschlossen, in die Stadt zu kommen, was mich zusätzlich beunruhigt.
Wie es scheint, soll die Angelegenheit zwischen dem Lordkanzler und Lord Bristol totgeschwiegen werden. Lord Bristol soll unterdessen nach Frankreich geflohen sein, an den Hof des Königs.
Kein Kommentar zu "Kamen mir, wie ich gestehen muß, die Tränen"
Jetzt kommentieren