Aufgestanden und ins Amt, wo mich verschiedene Leute dienstlich aufsuchten. Gegen 11 Uhr zusammen mit Kommissar Pett zu Fuß zum Gildehaus der Bader und Wundärzte, die uns zu einem Vortrag samt einem Mittagsmahl eingeladen hatten. Man geleitete uns in den Hörsaal, und kurz darauf betrat der Gildemeister Dr. Terne mit Gefolge feierlich den Raum. Als sich alle gesetzt hatten, begann er mit seiner Vorlesung. Es war die Fortsetzung einer Anatomievorlesung über Nieren, Harnleiter und Glied – sehr interessant. Anschließend begaben wir uns in den Saal, wo bereits viele Ärzte versammelt waren. Das Mahl war vorzüglich, die Gesellschaft gut und gelehrt, viele Doktoren der Medizin waren anwesend, und man behandelte uns mit großem Respekt.
Tranken unter anderem auf das Wohl des Königs aus einem goldenen Pokal, den einst König Heinrich VIII. der Gilde geschenkt hatte. Es hängen Glöckchen daran, und man läutet mit ihnen, wenn der Pokal leer ist. Außerdem befindet sich im Saal ein herrliches Gemälde von Holbein, das den König zeigt und die Würdenträger der Gilde, die niederknien, um ihre Charta zu empfangen.
Nach dem Essen nahm Dr. Scarburgh einige seiner Freunde mit, um noch einmal die Leiche zu betrachten, und ich begleitete sie. Es war ein dicker Kerl, ein Seemann, der wegen Raubmords gehenkt worden war. Ich berührte die Leiche mit der bloßen Hand, die sich kalt anfühlte. Kein sehr schöner Anblick.
Sein Name war Dillon, und er stammte aus einer vornehmen Familie. Man hat alles darangesetzt, um ihn vor dem Galgen zu bewahren, aber in dieser Gerichtsperiode wurde er nun gehängt und zwar mit einer seidenen Schlinge (die er selbst geknüpft hat), nicht nur ehrenhalber, sondern weil die Seide weich und glatt ist und sich eng zusammenzieht und auf der Stelle tötet, das heißt: den Betreffenden erwürgt, wohingegen ein steifer Strick sich nicht so eng zusammenzieht, so daß der Betreffende länger lebt, bevor er zu Tode kommt. Doch die anwesenden Doktoren äußerten die Ansicht, daß Erhängen völlig schmerzlos sei, da es die Blutzirkulation unterbricht und den Betreffenden sofort seiner Sinne beraubt.
Gingen von dort in einen Nebenraum, wo die Leichen präpariert werden. Dort fanden sich die Nieren, Harnleitern, Glieder, Hoden, über die es heute in dem Vortrag ging. Auf meinen Wunsch hin demonstrierte Dr. Scarburgh sehr anschaulich das Steinleiden und das Verfahren der Steinoperation und beantwortete mir auch sonst viele Fragen, etwa wie der Samen ins Glied gelangt oder das Wasser durch die drei Häute oder Membranen in die Blase. Genauso hatte es mir seinerzeit der arme, verstorbene Dr. Jolliffe erklärt.
Ging sehr zufrieden zurück in den Saal, wo ich interessanten Gesprächen lauschte. Am Nachmittag dann zu einer Vorlesung über Herz und Lungen &c. Schließlich verabschiedeten wir uns, und Kommissar Pett und ich gingen zurück ins Amt (Sir W. Batten, der ebenfalls am Mittagsmahl teilgenommen hatte, war schon vorher gegangen).
Bis spät im Amt. Ging zu Sir W. Batten, um über geschäftliche Dinge zu reden. Sir J. Mennes war bei ihm und ziemlich angetrunken, wie mir schien. Er nahm mich beiseite, um mir zu berichten, daß der Lordkanzler, bei dem er heute war, ihm mitgeteilt habe, Sir W. Penn werde ein Großsiegel erhalten, um gewissermaßen mit ihm zusammen das Amt des Aufsehers zu bekleiden, da die zahlreichen Aufgaben des Amtsaufsehers für einen Mann allein nicht zu bewältigen seien. Sir J. Mennes ist darüber furchtbar aufgebracht und drohte, er werde den Posten hinschmeißen. Und er schimpfte auf Sir W. Penn, wobei ich ihn nach Kräften bestärkte, da ich mit Genugtuung sehe, daß es mit ihrer Freundschaft nicht sehr weit her ist, denn er verfluchte ihn, wünschte ihn zum Teufel und was nicht gar. Ich für mein Teil hoffe, daß ich in Zukunft von ihnen in Ruhe gelassen werde, sofern ich nur meine Arbeit gewissenhaft verrichte. Aber wie der alte Mann sich aufspielt und stolz verkündet, er verstehe sein Geschäft und zwar besser als so mancher andere, das sei doch gelacht, und das habe er auch dem Lordkanzler gesagt, und er werde nicht zulassen, daß man ihm vorwirft, er komme seinen Pflichten nicht nach. Obwohl jedermann weiß, daß er von seinem Geschäft nicht mehr versteht als ein Kind. Aber sollen sie sich streiten, dann bin ich vor ihnen sicher. Ich hoffe nur, daß unsere Arbeit nicht darunter leidet.
Von dort ins Amt, dann nach Hause zum Abendessen und zu Bett.
1 Kommentar zu "Weil die Seide weich und glatt ist und sich eng zusammenzieht und auf der Stelle tötet"
“Ich berührte die Leiche mit der bloßen Hand, die sich kalt anfühlte. Kein sehr schöner Anblick.” Ist es nicht eher die Leiche, die sich kalt anfühlt? (”I did touch the dead body with my bare hand: it felt cold, but methought it was a very unpleasant sight.”)
Danke für den Pepys des Tages
und herzliche Grüße,
Britta Waldhof
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