“Daß ein Buch wie das Tagebuch des Samuel Pepys überhaupt existiert, ist im Grunde ganz unbegreiflich. Ein rares Wunderwerk”    Robert Louis Stevenson



/ HOME >  / AKTUELL >  /pepys >  /Kein schlechtes Beispiel für die Unfähigkeit unserer Offiziere

Kein schlechtes Beispiel für die Unfähigkeit unserer Offiziere


/ Februar 22nd, 2010 | Pepys

18. Februar 1668

Bei Tagesanbruch aufgestanden und in die Old Swan Lane gegangen, wo ich den guten Mitchell beim Bauen antraf. Seine Holzbude ist verschwunden und das Fundament für ein neues Haus gelegt worden. Die Straße wird gewiß sehr schön werden. Ich trank etwas, sah Betty aber nicht. Dann zum Charing-Cross-Anleger und von dort zu Fuß weiter zu Sir William Coventry. Er erzählte, was ihm vorgeworfen wurde und wie er doch heil aus der Sache herausgekommen sei, was das Absenden des Briefs betrifft. Er erwartete, als nächstes wegen der unfähigen Offiziere in der Flotte behelligt zu werden. Aber er will sie zunächst auffordern, ihm die Namen der Offiziere zu nennen, die als unfähig bezeichnet werden, damit er sich rechtfertigen kann – denn er hat keinem ohne Zustimmung des Admirals einen Posten gegeben. Und er kann über jeden Rechenschaft ablegen und über dessen Empfehlungen. Dann wird man sehen, daß die meisten Männer ihre Posten während des Krieges dem Prinzen und dem Herzog von Albemarle zu verdanken hatten und nicht dem Herzog von York. Zusammen gingen wir eine Liste der Kommandanten durch und kamen nur aus dem Gedächtnis bereits auf 37 Kommandanten, die in diesem Krieg gefallen sind – in der Tat kein schlechtes Beispiel für die Unfähigkeit unserer Offiziere. Er sagte, Sir Fr. Holles sei die treibende Kraft im Parlament und habe es ganz besonders auf ihn abgesehen. Er habe verkündet, das Nichteintreffen des Briefs, der den Prinzen hätte zurückrufen sollen, habe er teuer bezahlt und werde es sein Lebtag nicht vergessen – er meinte den Verlust seines Arms. Himmel, was für ein eitler Dummkopf, der größte Nichtsnutz, der je in der Flotte gedient hat. Sir W. Coventry sagte, er habe am Samstag im Gespräch Sir R. Howards Ausspruch vom “Hinausrolieren” der Staatsräte zitiert und daß es ihm gleich sei, wen sie enrolieren oder hinausrolieren – wodurch der Ausdruck vom “Hinausrolieren”* von Beamten in Gebrauch gekommen ist. Ich werde nie vergessen, wie er mir heute Vormittag im Scherz sagte, falls es je wieder Krieg mit den Holländern gebe, werde er gewiß nicht als Sekretär des Admirals zur Verfügung stehen. “Und ich nicht als Sekretär des Flottenamts“, sagte ich, „denn ich sehe jetzt, welchen Lohn man dafür erhält, und ich danke Gott, daß ich Geld genug besitze, um mir ein gutes Buch zu kaufen und eine gute Geige, und daß ich eine gute Frau habe.“ “Nun“, erwidert er, „Geld genug, um mir ein gutes Buch zu kaufen, habe ich auch, aber gefiedelt wird nicht, da ich keine Frau habe.” Ich erfuhr von ihm, daß die Sache der Lohnscheine wohl ebenfalls zur Pflichtverletzung erklärt wird. Er konnte aber auch nicht sagen, was weiter geschehen werde, ob es lediglich zu einem Bericht an den König kommt oder ob sie die Sache weiterverfolgen. Ich fürchte letzteres.

Ging dann durch den St.-James-Park nach Whitehall und weiter zur Westminster Hall, wo ich den ganzen Vormittag auf und ab lief und mit mehreren Abgeordneten sprach, unter anderem mit Birch, der sehr freundlich zu mir war und mich sehr respektvoll einen pflichtbewußten Mann nannte, den er wegen seiner Aufrichtigkeit schätze, und solchen Männern werde er bis in den Tod beistehen. Ich wollte sie bitten, das Parlament davon abzuhalten, einen vorschnellen Beschluß in der Frage der Lohnscheine zu fassen, bevor es nicht genauere Erkundigungeneingezogen habe. Ich ging lange mit Lord Brouncker umher, der in großer Unruhe ist. Sein Handeln wird, wenn auch ganz ohne Grund, vom Parlament sehr mißbilligt, und ich muß gestehen, daß es mir fast unangenehm war, mit ihm gesehen zu werden. Doch kann ich ihn in allem rechtfertigen, was ihm vorgeworfen wird. Hier bekam ich dann auch eine Abschrift des Berichts über unsere Bezahlung der Seeleute durch Lohnscheine, und ich bin sehr froh, sie in Händen zu haben, damit ich weiß, wie die Vorwürfe lauten und wofür wir uns rechtfertigen müssen – um so mehr, als das Parlament heute und morgen mit anderen Dingen beschäftigt sein wird, so kann ich bis Donnerstag eine Schrift zu unserer Verteidigung aufsetzen und einigen Abgeordneten geben. Wir werden uns gewiß zu verteidigen wissen, und der Gedanke erleichtert mich sehr. Vormittags berieten sie über ein Gesetz, das Sir R. Temple heute einbrachte, das den König verpflichten soll, alle drei Jahre ein Parlament einzuberufen, oder wenn er es nicht selbst tun will, andere dazu zu verpflichten. Außerdem soll ihm nicht länger erlaubt sein, ein Parlament nach weniger als 40 Tagen aufzulösen. Ein solches Gesetz würde die Macht des Königs stark einschränken, und sie werden es gewiß verabschieden und noch so manches andere, bevor sie ihm Geld geben. Und der König braucht Geld, koste es, was es wolle. Ich ging in den Dog, und Doll Lane kam zu mir. Wir tranken etwas, und sie sagte, sie sei mein Valentinsschatz. Sie ließ mich tocar sa cosa und ich hätte alles tun können, was yo voudrais, aber es gab nur Stühle im Zimmer, darum konnten wir nicht hacer algo. Als sie fort war, sprach ich noch mit Mr. Spicer, den ich in das Wirtshaus kommen ließ, um über die neue Elfmonatssteuer zu sprechen, die ich als Sicherheit für einen Teil des Darlehens für Tanger benutze. Ging darauf zur Halle und traf dort Sir W. Penn. Gingen in den Bear in der Drury Lane, ein ausgezeichnetes Speisehaus nach französischer Art, aber von Engländern geführt. Aßen dort ein Hasen- und Hühnerklein. Das ganze Essen kostete 8s, und ich war sehr zufrieden. Dann zusammen ins Königliche Theater, in die oberer Galerie. Sahen »Flora’s Vagaries«,** ein sehr dummes Stück – um so mehr, als ich schlechte Laune hatte, weil meine Frau krank zu Hause lag und nicht dabei war – und ich auch nicht gesehen werden wollte und mich deshalb nicht umsehen konnte. Beim Temple trennten wir uns, und ich fuhr zu Kate Joyce. Sie und ihre Verwandten sind sehr erleichtert, denn die Totenschauerkommission hatte heute befunden, ihr Mann sei an einem Fieber gestorben. Es gab einen gewissen Widerstand, der Vorsitzende wollte, daß sie den Grund des Fiebers nannten, um die Sache einmal mehr zu behindern, sie blieben aber bei ihrem Spruch und gaben keinen Grund an. Das wäre also überstanden, und sie darf ihren Besitz behalten, worüber ich sehr froh bin. Ging dann nach Hause zu meiner Frau, sagte aber nicht, daß ich im Theater war. Sie zeigte mir den Ring, einen Türkis mit kleinen Diamanten eingefaßt, den sie sich als Valentinsgeschenk wünscht. Er kostet fast 5l, aber mir soll es recht sein. Mein Frau kostet mich wenig im Vergleich zu anderen Ehefrauen, und ich habe nicht häufig Gelegenheit, Geld für sie auszugeben. Dann ins Amt. Arbeitete bis spät abends an meiner Stellungnahme zum Bericht des parlamentarischen Untersuchungsausschusses über die Lohnscheine, die mir schon den ganzen Tag im Kopf herumging. Dann nach Hause zum Essen und ins Bett.

*„Rowling out“, abgeleitet von „enroll“ (frz. „enrôler“: anwerben, beitreten).

** Komödie von Richard Rhodes.




Kein Kommentar zu "Kein schlechtes Beispiel für die Unfähigkeit unserer Offiziere"


Jetzt kommentieren


Name (erforderlich)
E-Mail (erforderlich)