“Daß ein Buch wie das Tagebuch des Samuel Pepys überhaupt existiert, ist im Grunde ganz unbegreiflich. Ein rares Wunderwerk”    Robert Louis Stevenson



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Ich bin ganz hingerissen von ihrem Gesang


/ Februar 22nd, 2010 | Pepys

12.Februar 1667

Aufgestanden und ins Amt, wo wir den ganzen Vormittag Sitzung hatten. Wir sprachen vor allem über die neuen Aufgabenverteilung im Amt, und Sir W. Penn machte wieder alles furchtbar kompliziert. Zum Mittagessen nach Hause, und dann wieder ins Amt und viel erledigt. Mr. Moore kam zu mir, und wir sprachen über Lord Sandwich, und er argumentierte sehr klug, daß für den gnädigen Herrn jetzt der geeignete Zeitpunkt gekommen sei, nach England zurückzukehren und ein Kommando auf See zu übernehmen, da es diesem Jahr wohl zum Friedensschluß komme werde. Und er äußerte noch andere sehr treffliche Dinge, die öffentlichen wie die privaten Angelegenheiten des gnädigen Herrn betreffend. Fuhr später mit Lord Brouncker in dessen Kutsche zu ihm nach Hause, wo wir italienische Musik hören wollten. Tom Killigrew war gekommen und Sir Robert Moray sowie Signore Battista Draghi. Letzterer hat eine italienische Oper geschrieben, die T. Killigrew aufzuführen beabsichtigt. Er sang uns einen Akt vor, und er hat nicht nur die Musik komponiert, sondern auch das Drama gedichtet, was eine beachtliche Leistung ist. Und er sang alles nur mit dem Textbuch vor Augen, ohne Noten, und begleitete sich dabei selbst auf dem Cembalo, sehr bewundernswert, und die Komposition war ganz ausgezeichnet. Den Text konnte ich nicht verstehen und konnte daher nicht beurteilen, ob die Musik den Worten angemessen war, aber es machte mir ganz den Eindruck. Der rezitative Stil gefiel mir außerordentlich gut. Ich konnte aber feststellen, daß jede Sprache ihren ganz eigenen Tonfall hat und daß sich dies auch in der Vertonung der Texte niederschlägt, die den Landsleuten vielleicht sehr natürlich erscheint, anderen aber nicht. Ich war daher nicht so ergriffen, wie ich es wohl hätte sein sollen, weil ich mit dem Tonfall ihrer Sprache nicht vertraut bin. Aber die ganze Komposition ist zweifelsohne ganz ausgezeichnet, und T. Killigrew und Sir R. Moray, die den Text verstanden, sagten, daß auch die Dichtung sehr gut sei. Ich muß gestehen, daß ich sehr beeindruckt war. Signore Battista gab sich aber bescheiden, und sagte, das Stück sei wohl gut, aber mehr auch nicht. Hinterher unterhielt ich mich mit T. Killigrew. Er erzählte mir, daß er zur Zeit nicht halb soviel Publikum habe wie vor dem Brand, und er sagte, daß Knepp gewiß einmal alle anderen Schauspielerinnen in den Schatten stellen werde, da keine mehr von der Bühne verstehe als sie, und daß man ihr Gehalt jetzt um 30l erhöhte habe. Und er erwähnte, daß aufgrund seiner Bemühungen die Bühne heute besser und prächtiger sei als je zuvor. Heutzutage würden Wachskerzen verwendet werden, und zwar viele, früher habe man höchstens 3 Pfund Talgkerzen verbraucht. Heutzutage benehme sich das Publikum gesittet, und früher sei es zugegangen wie in der Bärenarena. Früher habe es nur zwei oder drei Musiker gegeben, heute seien es neun oder zehn der besten. Früher sei die Bühne einfach mit Binsen bestreut gewesen (und auch alles andere sei sehr schäbig gewesen), heute sei sie mit grünem Tuch bespannt. Früher sei die Königin höchst selten und der vorige König nie in sein Theater gekommen, jetzt gehe nicht nur der König regelmäßig ins Theater, sondern alle Personen von Stand und auch sonst jedermann, der möchte. Er erzählte mir außerdem, daß er bereits mehrmals in Rom gewesen sei, acht- oder zehnmal, um dort die gute Musik zu hören. Er liebe diese Musik sehr, wenngleich er selbst weder singe noch ein Instrument spiele, und er sagte, er habe immer versucht, schon unter dem früheren König, die italienische Musik bei uns einzuführen, aber es sei ganz aussichtslos gewesen, denn in England wollte man nichts als Balladen hören. „’Hermit poor’ und ‚Chivy Chase’ – mehr hatten wir nicht zu bieten“, sagte er, „und ein einfacher Musikant mit seiner Fiedel verdient bei uns immer noch mehr als irgendwo sonst, was viel über den hiesigen Kunstverstand sagt.“ Und er erzählte, daß er neun Italiener von verschiedenen europäischen Höfen abgeworben habe, damit sie ein Collegium musicum für den König bilden. Der König sei bereit, jedem von ihnen 200l im Jahr zu zahlen, was nicht sehr viel sei. Bislang habe der König mit dem Geld vier lächerliche Gondeln unterhalten. Er habe den König aber davon überzeugt, daß er auf die Gondeln verzichten und das Geld für die Musiker ausgeben solle. Ich lobte ihn dafür sehr, denn es ist in der Tat ein sehr ehrenwertes Unternehmen. Er sagte, er beabsichtige, irgendwann in diesem Jahr italienische Opern am Herzoglichen und am Königlichen Theater aufzuführen, nachdem sein Plan mit der Schauspielschule in Moorfields gescheitert sei. Und er sagte mir ganz offen, daß er das bürgerliche Publikum nicht minder schätze als das adlige – jetzt aber blieben viele weg. Von Signore Battista erfuhr ich, daß Giacomo Carissimi noch am Leben sei und in Rom wohne. Er sei der Lehrer von Vicenzo Albrici gewesen, einem der Italiener, die jetzt das neue Collegium musicum bilden, und er sei unter ihnen der begabteste Komponist. Am meisten aber habe ich darüber gestaunt, wie Battista es schafft, die Musik eines ganzen Aktes auswendig zu spielen, sowohl den Gesang wie auch die Begleitung – ich bewundere das sehr, wenngleich der rezitative Stil die Sache wohl erleichtert, weil die Musik stets genau dem Text folgt. Nachdem wir uns lange unterhalten hatten, bestiegen wir die Kutschen (die von Lord Brouncker und die von T. Killigrew) und fuhren zu Mrs. Knepp, wo Battista mit ihr die Arien für ihre Rolle üben wollte. Also fuhren wir alle dorthin, und sie sang ein, zwei der italienische Arien, und er begleitete sie, was sehr schön klang. Ich bin ganz hingerissen von ihrem Gesang und glaube, daß sie mit ihrer Stimme und mit ihrer Schauspielkunst noch wahre Wunder vollbringen wird. Ihr Kammermädchen ist auch sehr hübsch und nicht auf den Mund gefallen. Nachdem wir eine Stunde dort verbracht hatten, verabschiedete ich mich – sehr zufrieden mit dem ganzen Abend. Nahm eine Kutsche und fuhr nach Hause. Dann noch ins Amt und erst spät nach Hause, um die letzten drei Tage in meinem Tagebuch nachzutragen. Dann zum Abendessen und zu Bett – sehr zufrieden, nur etwas besorgt, weil diese Vergnügungen mich von meinen Pflichten abhalten, und dies um so mehr, da meine Frau und ich morgen bereits wieder zum Essen eingeladen sind, und am nächsten Samstag trifft man sich wieder bei Lord Brouncker, wo dann auch die italienischen Musiker anwesend sein werden. Doch ich sage mir, daß dies die wahren Freuden sind, für die ich lebe, und daß ich etwas Schöneres in meinem Leben nicht werde genießen können. Außerdem möchte ich gern wissen, wer von ihnen mir am besten gefällt, denn heute habe ich Battista gehört und morgen werde ich wohl Hauptmann Cooke in der königlichen Kapelle hören und am Samstag das italienische Collegium, und ich möchte mir unbedingt ein eigenes Urteil bilden, was nur geht, wenn ich jede Gelegenheit nutze, um einen Vergleich anzustellen.




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